„Ein kleines Mädchen, wild und frei, flog über Wiesen und Felder voller Zauberei…“
Wenn ich an den Anfang meines Lebens zurückdenke, sehe ich genau dieses Bild: ein kleines Mädchen voller Fantasie, voller Lebendigkeit, neugierig auf die Welt – offen, wach und mit einer Wahrnehmung, die tiefer ging, als ich es damals hätte greifen können. Ich habe schon früh mehr gespürt als viele andere: Stimmungen zwischen Menschen, Spannungen in Räumen, das, was gesagt wurde – und vor allem das, was unausgesprochen blieb. Diese Sensibilität war ein Geschenk – und gleichzeitig eine Herausforderung.
Und gleichzeitig war da schon früh etwas anderes, das mein Leben geprägt hat. Nicht nur die Schulzeit oder die Dinge, die jedes Kind erlebt, sondern auch mein familiäres Umfeld. Veränderungen, Umbrüche und Situationen führten dazu, dass ich früh Verantwortung übernehmen musste. Ich musste früh lernen, allein zurecht zu kommen, früh stark zu sein – nicht, weil ich es wollte, sondern weil ich schneller erwachsen werden musste, als ich es damals überhaupt verstehen konnte. Von außen waren es einfach Lebensumstände, doch für mich fühlte es sich an wie ein Bruch.
Ich begann, mich anzupassen, zu funktionieren und genau zu beobachten, was von mir erwartet wird, und entwickelte – wie viele Kinder – Strategien, um irgendwie durch diese Welt zu kommen. Doch tief in mir blieb immer dieses Gefühl, dass ich nicht wirklich dazugehöre.
Im Teenageralter ließ sich dieses Gefühl nicht mehr zurückhalten. Der innere Druck, der sich über Jahre aufgebaut hatte, brach sich seinen Weg – und er wurde laut. Ich war mitten in einer Rebellion. Ich stellte Regeln nicht nur infrage, ich ignorierte sie schlicht. Wenn etwas für mich keinen Sinn ergab, tat ich es nicht. Ich wollte mein eigenes Ding machen, meinen eigenen Weg gehen, und war nicht bereit, mich dafür zu verbiegen. Ich war provokant, stur, frech, aufmüpfig und oft auf Angriff. Ich ließ mir nichts gefallen und war überzeugt davon, es besser zu wissen. Ja – ich war auch arrogant und überheblich.
In dieser Zeit begann auch meine Gothic- und Metal-Zeit. Nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich wurde sichtbar, was in mir vorging: von hell zu dunkel, von bunt zu schwarz, von Anpassung zu direkter Abgrenzung. Es war, als würde ich das, was in mir war, nach außen tragen – härter, sichtbarer, deutlicher. Doch heute weiß ich, dass das, was nach außen sichtbar war, nur ein Ausdruck war. Hinter all dem lagen viele Emotionen gleichzeitig: Wut, Traurigkeit, Scham und Schuldgefühle. Gefühle, die ich damals nicht greifen konnte, die mich aber unbewusst gesteuert haben und sich genauso nach außen gezeigt haben – in Rebellion, in Härte und in meinem Verhalten. Vieles davon waren Schutzschilder, eine Rüstung, die ich mir aufgebaut habe – nicht nur, weil ich es selbst nicht fühlen wollte, sondern vor allem, weil ich es nicht nach außen zeigen wollte. Ich wollte mich nicht angreifbar machen. Ich wollte nicht, dass jemand meine Verletzlichkeit sieht.
Mit der Zeit wurde diese extreme Rebellion leiser, und ich begann, mir ein Leben aufzubauen. Ich arbeitete viel, übernahm Verantwortung und war stark im Tun. Ich reiste, war viel unterwegs und erlebte das Leben intensiv – teilweise auch exzessiv.
Nach außen bewegte sich vieles, doch irgendwann wurde es ruhiger. Das Leben wurde strukturierter, klassischer. Ich lebte in einer Beziehung, wir bauten uns gemeinsam etwas auf, kauften ein Haus, gingen unseren Weg, wie man ihn eben geht, machten Urlaub, lernten neue Menschen kennen und erlebten viel zusammen. Es war kein schlechtes Leben – im Gegenteil, vieles davon war gut.
Und doch veränderte sich etwas. Mit der Zeit wurde es nicht nur ruhiger, sondern auch leerer. Routine zog ein, Gewohnheit, ein Alltag, der funktionierte, sich aber nicht mehr lebendig anfühlte. Das Leben lief – aber ich war nicht mehr wirklich darin.
Genau in dieser Ruhe begann sich etwas zu zeigen – erst leise, dann immer deutlicher: ein innerer Ruf.
Ich begann, mein Leben bewusster zu hinterfragen. Meine Gewohnheiten gerieten ins Wanken, Dinge, die lange selbstverständlich gewesen waren, passten plötzlich nicht mehr. Ich setzte mich intensiver mit mir selbst auseinander – mit Gesundheit, inneren Prozessen und persönlicher Entwicklung – und auch äußerlich veränderte sich vieles. Es war, als würde ich Schicht für Schicht eine alte Version von mir abstreifen.
Doch echte Veränderung verläuft nicht gerade. Es folgten Jahre, in denen vieles gleichzeitig geschah: große Lebensentscheidungen, mutige Schritte, neue Wege. Ich trennte mich von meinem Partner, kündigte meinen Job, verkaufte mein Haus, gründete ein Unternehmen und ging in die Selbstständigkeit. Ich wollte mir mein eigenes Leben aufbauen, war voller Energie, motiviert – und gleichzeitig auch überheblich, naiv und stark vom Ego getrieben. Ich wollte etwas beweisen, nach außen glänzen, ging zu schnell, wollte zu viel auf einmal, während ich innerlich noch längst nicht aufgeräumt war.
Dann kam dieses Jahr – 2022. Ein Jahr voller Energie, voller Aufbruch, und gleichzeitig völlig vogelwild. Ich habe mich selbst überholt. Eine Entscheidung folgte der nächsten, ein Versuch dem nächsten, ein Neuanfang – und noch einer obendrauf. Ich fiel hin, stand wieder auf und machte einfach weiter. Noch eine Idee, noch ein Versuch, noch ein Schritt. Ich räumte die alten Trümmer nicht weg, sondern baute einfach weiter darauf auf. Es war Chaos, ein Durcheinander, ohne stabiles Fundament.
Und gleichzeitig kam viel von außen: Blicke, Meinungen, Bewertungen. Viele hatten etwas zu sagen, viele hatten eine Meinung und redeten und urteilten über mich – aber kaum jemand hat gefragt, wie es mir wirklich geht. Und genau das war das, was am meisten wehgetan hat. Menschen haben sich abgewandt, Türen haben sich geschlossen – nicht, weil sie verstanden haben, sondern weil sie interpretiert haben. Und nur ganz wenige sind geblieben. Nicht einmal eine Handvoll. Menschen, die meine Entscheidungen zwar auch nicht verstanden haben – die ich selbst nicht mal verstanden habe – aber die einfach da waren, ohne zu urteilen, ohne zu bewerten.
Dann kam der Punkt, an dem alles gekippt ist. Es war Übermut – auch Hochmut – und bekanntlich folgt darauf der Fall. Und der kam.
Was folgte, war eine Zeit, die ich damals meinen Kamikaze-Weg genannt habe – eine Phase, die manche auch als „Dark Night of the Soul“ bezeichnen. Es fühlte sich an, als würde ich immer wieder hinfallen, mich aufrichten, und kaum stand ich wieder, kam die nächste Wucht. Als würde eine Herde Büffel über mich hinwegrollen – und kaum hatte ich mich wieder aufgerichtet, kam die nächste. Immer wieder. Vor allem die zwischenmenschlichen Themen trafen mich tief: Verrat, Enttäuschungen, Konflikte. Es war, als würde mir immer wieder der Boden unter den Füßen weggezogen werden.
Meine Mauern begannen zu bröckeln, und die Stärke, die ich so lange im Außen gehalten hatte, konnte ich nicht mehr aufrechterhalten. Gleichzeitig war ich längst dabei, mich zu verändern. Ich hatte bereits begonnen, alte Ketten zu sprengen – nur wusste ich das in diesem Moment noch nicht. Ich veränderte mich, und mein Umfeld kam damit nicht zurecht. Also zog ich mich zurück.
Eigentlich war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Auszeit geplant. Ich wollte mein Haus verkaufen und mit einem Rucksack in die Welt reisen. Doch bevor es überhaupt so weit kommen konnte, holte mich das Leben ein. Zu viele offene Themen, zu viele ungeklärte Dinge, zu viel, dass ich vorher übergangen hatte. Kein Aufbruch, sondern ein Anhalten.
Mein System kam zur Ruhe – und genau an diesem Punkt begann es. Gleichzeitig wurde es zum ehrlichsten Abschnitt meines Lebens.
Mein Körper schmerzte – überall. Es war, als würde sich alles entladen, was ich über Jahre gehalten hatte. Mein Herz wollte gehört werden, meine Seele ebenfalls. Alles kam hoch, und ich konnte nicht mehr ausweichen. Ich stellte alles infrage – mein Leben, meine Entscheidungen, meine Vergangenheit und vor allem mich selbst. Es gab Momente, in denen ich nicht mehr wusste, wer ich bin – und auch nicht, ob ich überhaupt noch bin. Ein totaler Sinn- und Seinverlust.
Ich begann, mich intensiv mit mir auseinanderzusetzen, mit meinem Leben, meiner Vergangenheit und meinen Mustern. Ich nahm mir Unterstützung, tauchte tief ein in Psychologie, innere Prozesse, systemisches Denken und viele weitere Perspektiven. Es war kein schöner Weg. Es war dunkel, schmerzhaft und einsam – und gleichzeitig voller Erkenntnisse.
Und rückblickend weiß ich heute, dass genau dort alles begonnen hat. Denn ich hatte Visionen von meinem Leben, Vorstellungen, Ziele und ein inneres Bild davon, wie sich mein Leben anfühlen und entwickeln soll. Doch bevor ich im Außen wirklich Struktur aufbauen konnte, musste ich im Inneren aufräumen. Denn so, wie es in mir war, zeigte es sich auch im Außen: Chaos, Druck und Unsicherheit. Ich wollte im Außen etwas aufbauen, während im Inneren noch alles ungeordnet war – und genau das konnte nicht funktionieren.
Also begann ich dort, wo ich vorher nie wirklich begonnen hatte: bei mir. Ich räumte auf – innerlich. Schritt für Schritt entstand daraus wieder Klarheit. Gedanken wurden greifbar, Ziele wieder sichtbar, und ich konnte beginnen, auch im Außen wieder Schritte zu gehen – bewusster, selbstsicherer und mit einem ganz anderen Verständnis für das, was ich wirklich will.
Nicht, um schnell wieder zu funktionieren, sondern um wirklich zu begreifen. Und genau dort begann sich etwas zu verändern. Zunächst leise, kaum greifbar, und doch spürbar. Mit der Zeit wurde daraus eine Klarheit, die ich vorher so nicht kannte. Ich begann, mein Leben neu auszurichten – nicht mehr aus Druck heraus oder aus dem Wunsch, etwas beweisen zu müssen, sondern aus einem tieferen inneren Verständnis.
Ich ließ los. Alte Vorstellungen, Sicherheiten und Pläne, die lange zu meinem Leben gehört hatten, sich aber nicht mehr stimmig anfühlten. Und mit jedem Schritt wurde es leichter. Ich zog weiter, von Ort zu Ort, von Phase zu Phase, und mit jedem Umzug wurde es weniger – weniger Dinge, weniger Ballast, weniger von dem, was ich früher glaubte, festhalten zu müssen. Bis irgendwann ein Punkt erreicht war, an dem mein gesamtes Leben in einen einzigen Rucksack passte.
Was sich früher wie Verlust angefühlt hatte, wurde plötzlich zu Freiheit – nicht als Idee, sondern als Gefühl.
Mit etwas Abstand wurde mir bewusst, dass es kein Kamikaze-Weg war – auch wenn es sich damals genauso angefühlt hat. Es war meine Heilreise.
Meine Geschichte ist keine gerade Linie. Sie ist geprägt von Brüchen, von Verlusten, von Neuanfängen und von Entscheidungen, die Mut gebraucht haben. Doch genau darin liegt ihre Kraft.
Heute weiß ich, dass vieles von dem, was ich lange als Stärke gesehen habe, in Wahrheit Schutz war. Und genau deshalb durfte ich lernen, diese Schutzschichten wieder abzulegen.
Heute ist es ruhiger und weicher. Ich habe wieder mehr Zugang zu mir selbst gefunden – zu meiner Intuition, zu meiner inneren Ruhe und auch zu meiner Weiblichkeit. Nicht perfekt, aber stimmig.
Und irgendwann stand ich da – mit einer Straße vor mir und einem Rucksack auf meinem Rücken, und mit einem tiefen Vertrauen, dass jeder nächste Schritt genau dorthin führt, wo er hingehört. Vielleicht ist genau das das Wertvollste, was ich auf meinem Weg gefunden habe: dass ich mir selbst begegnet bin – nicht der Version von mir, die funktionieren musste, nicht der, die Erwartungen erfüllen wollte, sondern der, die darunter immer da war.
Und genau von dort aus gehe ich heute weiter.